Wie wirklich ist Wirklichkeitskonstruktion?


Das Wort „Konstruktion“ täuscht. Es klingt nach einem bewussten Entwurf, als könntest du morgens entscheiden, welche Wirklichkeit du heute gerne hättest. Tatsächlich begegnest du einer Situation bereits mit Erwartungen, von denen dir viele gar nicht bewusst sind.
Du nimmst auf, wählst aus, verknüpfst mit Bekanntem und gibst dem Wahrgenommenen immer Bedeutung – und zwar - automatisch. Du erlebst jemanden als abweisend, eine Situation als gefährlich oder dich selbst als unzulänglich, ohne die Zwischenschritte zu erkennen.
Du bemerkst, wie dir etwas erscheint – Aber wie dieser Eindruck entstanden ist, bleibt dir häufig verborgen.
Deshalb fühlt sich deine Interpretation oft wie eine Tatsache an.
Eine Kollegin schreibt „Okay“, und für dich steht fest, dass sie deinen Vorschlag geringschätzt. Du hast keine möglichen Erklärungen gegeneinander abgewogen. Die Bedeutung war sofort da. Aber wie?
Nehmen wir deine bisherigen Erfahrungen als Beispiel. Wenn auf knappe Antworten früher häufig Kritik folgte, kann schon ein kurzer Satz Erinnerungen und damit verbunden Unbehagen auslösen. Hast du Schweigen als Strafe erlebt, fällt es dir möglicherweise schwer, eine Gesprächspause als entspannt zu empfinden. Du begegnest der aktuellen Situation mit Erwartungen aus früheren Situationen. Ob diese immer noch passen, ist fraglich.
Auch deine Familie, dein Umfeld und die Sprache, mit der du aufgewachsen bist, wirken mit. Du lernst, was als höflich, erfolgreich, peinlich oder schwach gilt. In einem Umfeld zeigst du mit Widerspruch Interesse, in einem anderen riskierst du damit Ärger. Solche Maßstäbe können dir später vollkommen selbstverständlich erscheinen, obwohl andere Menschen ganz andere gelernt haben.
Dazu kommt dein gegenwärtiger Zustand. Wenn du erschöpft, angespannt oder unter Zeitdruck bist, kann dich eine Bemerkung anders treffen als an einem entspannten Tag. Vielleicht spannt sich dein Bauch an, deine Stimme wird schärfer, du gehst auf Abstand. Deine körperliche Reaktion gehört zu deinem Erleben und kann einsetzen, bevor du überhaupt benennen kannst, was dich gerade beschäftigt.
Deine Aufmerksamkeit entscheidet außerdem mit, welche Hinweise du aufgreifst. Erwartest du Kritik, fällt dir der skeptische Blick vielleicht stärker auf als das zustimmende Nicken daneben. Auch das, was du häufig hörst und liest, bietet dir Erklärungen an. Dein persönliches Urteil entsteht in einem Umfeld aus Erfahrungen, Gesprächen, Nachrichten und übernommenen Vorstellungen.
Dabei beeinflusst du die Situation selbst. Wenn du das „Okay“ als Geringschätzung verstehst und kühl antwortest, kann deine Kollegin ebenfalls auf Abstand gehen. Ihre Reaktion scheint deinen ersten Eindruck zu bestätigen. Du übersiehst möglicherweise, dass dein Verhalten inzwischen Teil dessen geworden ist, was du beobachtest. (Selbst-erfüllende Prophezeiung)
Natürlich kann deine Einschätzung auch zutreffen. Eine abwertende Bemerkung wird durch Nachdenken nicht automatisch harmlos. Und ob du von deinem Gegenüber abhängig bist oder jederzeit gehen kannst, verändert deinen tatsächlichen Handlungsspielraum. Wirklichkeitskonstruktion bedeutet keineswegs, dass du dir die Bedingungen deines Lebens bloß einbildest.
Aktuelle Ansätze zu dieser Thematik untersuchen deshalb genauer, wie Erwartungen, Körper, Handeln und Umwelt zusammenspielen. Einige erklären Wahrnehmung mithilfe von Erwartungen, die mit neuen Eindrücken abgeglichen werden. Andere betonen, wie Verstehen bereits im körperlichen und sozialen Austausch entsteht. Die Erklärungen unterscheiden sich.
Für deinen Alltag lenken sie den Blick jedoch auf einen wichtigen Zusammenhang:
Wie du etwas erlebst, hängt davon ab, wie du „geworden“ bist.
Das erklärt, weshalb ein guter Vorsatz oft wenig verändert.
Du kannst wissen, dass die Kollegin vielleicht einfach beschäftigt war, und dich trotzdem zurückgewiesen fühlen. Die alternative Erklärung ist denkbar, aber noch nicht überzeugend. Deine vertraute Reaktion verschwindet nicht auf Kommando.
Was hast du tatsächlich beobachtet? Welche Bedeutung hast du ergänzt? Und worauf stützt sich deine Sicherheit? Bei der Nachricht kannst du zunächst festhalten: Sie hat „Okay“ geschrieben.
Dass sie deinen Vorschlag geringschätzt, ist dein Schluss daraus.
Deinen Ärger musst du nicht wegargumentieren.
Er ist da, beweist aber noch keine Geringschätzung.
Eine Rückfrage kann weiterhelfen. Vielleicht bestätigt sich dein Eindruck, vielleicht erfährst du etwas, das ihn verändert. Auch beim Nachdenken brauchst du diese Rückmeldung: Sonst findest du womöglich nur bessere Argumente für dein ursprüngliches Urteil.
Du kannst dein automatisches Deuten nicht einfach abschalten.
Aber du kannst lernen, es an entscheidenden Stellen zu überprüfen.
Dein erster Eindruck ist dann der Anfang einer Auseinandersetzung und nicht ihr Ergebnis.
Man darf nicht alles glauben - was man denkt.



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