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Wie Entfremdung?

Autorenbild: Peter Eder
Peter Eder
vor 13 Minuten
5 Min. Lesezeit


Du funktionierst. Du arbeitest. Du beantwortest Nachrichten, organisierst Termine, hältst Dinge am Laufen, kümmerst dich um andere, zahlst Rechnungen, planst den nächsten Urlaub und bringst den Tag irgendwie ordentlich zu Ende.

 

Von außen sieht alles normal aus. Vielleicht sogar ziemlich erfolgreich.

Und dann kommt irgendwann dieser Satz:

 

„Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich will.“

 

Oder noch irritierender: „Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder.“

Das klingt dramatisch. Muss es aber gar nicht sein.

Entfremdung kommt nicht mit Blaulicht. Sie kommt im Businessoutfit,

mit voller To-do-Liste und einem funktionierenden Kalender.

 

Man lebt

Aber man hat zunehmend das Gefühl, das eigene Leben eher zu verwalten als tatsächlich darin vorzukommen. In meiner Praxis nennen Menschen das nicht Entfremdung. Sie sagen: „Eigentlich müsste es mir gut gehen.“ „Ich habe doch alles.“ „Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen.“ „Ich fühle kaum noch etwas.“ „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“ Oder schlicht: „Ich funktioniere nur noch.“ Das „eigentlich“ ist interessant.

Weil auf dem Papier stimmt tatsächlich vieles. Beziehung. Beruf. Wohnung. Familie. Status. Sicherheit.

Und trotzdem stimmt etwas nicht mehr.

 

Wer ist "man"?

Aus integrativer Sicht ist das kein nebensächliches Phänomen.

Mensch sein bedeutet nicht das der Kopf, den Körper durch den Alltag steuert. Wir verstehen Menschen als Leib-Subjekte. Denken, Fühlen, Erinnern, Wahrnehmen, Begehren und Handeln gehören zusammen.

Deshalb ist Entfremdung nicht nur eine Sache des Kopfes.

Sie zeigt sich häufig zuerst dort, wo wir beginnen,

uns selbst nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Der Körper ist müde. Man arbeitet weiter.

Man ist angespannt. Man nennt es Ehrgeiz.

Man braucht Ruhe. Man scrollt.

Man ist traurig. Man analysiert.

Man ist wütend. Man bleibt höflich.

Man will eigentlich Nein sagen.

Man hört sich Ja sagen.

Man sagt „man“ und vergisst auf das „ich“

 

Das kann erstaunlich lange funktionieren.

Menschen sind großartig darin, sich anzupassen.


Angepasst?

Anpassung ist zunächst sogar eine Stärke. Wer früh lernt, Erwartungen zu erkennen, Stimmungen zu lesen, Leistung zu bringen und Konflikte zu vermeiden, kann damit im Leben weit kommen.

 

Das Problem beginnt dort, wo Anpassung zur einzigen Betriebsart wird.

 

Dann wird irgendwann unklar: Was will ich eigentlich selbst?

Diese Frage klingt einfach. Sie ist es nicht. Viele Menschen wissen sehr genau, was vernünftig wäre. Was ihre Partner erwarten. Was im Unternehmen verlangt wird. Was gesellschaftlich als gelungen gilt. Was man in ihrem Alter erreicht haben sollte. Was ihre Eltern dazu sagen würden. Aber was sie selbst wollen – wissen sie nicht.

 

Entfremdung bedeutet nicht, dass ein Mensch „falsch lebt“.

Sie kann bedeuten, dass der Kontakt zum eigenen

Erleben „dünn“ geworden ist.

 

Ist man oder hat man Körper?

Besonders deutlich wird das beim Körper. Wir behandeln ihn heute oft wie ein Projekt. Er soll leistungsfähig sein, gut aussehen, schlafen, funktionieren, Sex haben, gesund altern und möglichst keine Beschwerden verursachen.

Wenn etwas nicht klappt, wird optimiert.

Schlaf-App. Supplement. Workout. Meditation. Ernährungstracker.

Noch eine Routine.

 

Was - wenn Selbstfürsorge zu Selbstkontrolle wird?

 

Dann wird sogar Entspannung zur Aufgabe.

Achtsamkeit um 6.30 Uhr. Atemübung um 6.45 Uhr. Kalt duschen. Schritte zählen. Proteinmenge checken. Produktivität steigern.

 

Die moderne Form der Entfremdung: Selbstkontakt wird durch Selbstmanagement ersetzt.

 

Dabei ist der Körper oft längst im Gespräch mit uns. Spannung, Müdigkeit, Unruhe, Schlafprobleme, diffuse Gereiztheit oder das Gefühl permanenter innerer Getriebenheit können viele Ursachen haben und gehören medizinisch abgeklärt, wenn Beschwerden anhalten.

Aber psychotherapeutisch lohnt zusätzlich die Frage: Was geschieht in meinem Leben eigentlich gerade mit mir?

 

Anstatt: Wie bekomme ich dieses Symptom schnell weg?

Besser: Was könnte es bedeuten. Was sagt mir mein Leib?

 

Fremde Gefühle

Auch Gefühle können fremd werden. Manche Menschen können brillant über Emotionen sprechen, ohne sie wirklich zu spüren. Sie erklären ihre Kindheit, analysieren ihre Beziehungen und kennen jedes psychologische Konzept. Aber auf die Frage „Was fühlst du jetzt gerade?“ folgt Stille.

Das ist kein Widerspruch.

Über Gefühle nachzudenken und Gefühle tatsächlich zu erleben sind zwei verschiedene Dinge. Wer gelernt hat, Ärger herunterzuschlucken, Trauer zu verstecken oder Angst zu überspielen, verliert irgendwann möglicherweise nicht nur den Zugang zu den unangenehmen Gefühlen.

Auch Freude, Lust, Neugier und Begehren können leiser werden.

Gefühle besitzen keinen Lautstärkeregler, bei dem man nur bestimmte Frequenzen herunterdreht.

 

Beziehung

Ähnlich funktioniert Entfremdung in Beziehungen. Man kann verheiratet sein und einsam. Man kann viele Freunde haben und sich niemandem zeigen. Man kann ständig kommunizieren und sich trotzdem kaum begegnen.

Wir spielen Rollen. Partner. Vater. Mutter. Chef. Mitarbeiterin. Gastgeber. Freund. Die Vernünftige. Der Starke. Der Lustige. Die, die immer alles schafft.

Rollen sind notwendig. Problematisch wird es, wenn hinter den Rollen kaum noch jemand hervorkommen darf.

 

Arbeit

Auch Arbeit ist ein klassischer Ort der Entfremdung. Nicht jede Arbeit muss Berufung sein. Diese Vorstellung ist selbst schon ein Luxusproblem.

Arbeit darf Arbeit sein. Aber wenn Menschen über Jahre Tätigkeiten ausführen, in denen sie keinerlei Zusammenhang mehr zwischen ihrem Tun und ihren eigenen Werten erleben, entsteht leicht ein Gefühl innerer Leere.

Dann füllt sich nur noch der Kalender, während das Leben leerer wird.

Meetings produzieren Meetings. Mails produzieren Mails. Reports produzieren Reports. Man arbeitet zehn Stunden und kann am Abend kaum sagen, was davon eigentlich Bedeutung hatte.

 

Gesellschaft

Entfremdung ist auch deshalb kein rein privates Problem.

Man macht es sich zu einfach, wenn man jedes Leiden ausschließlich im Individuum sucht.

Vielleicht liegt nicht alles an der Kindheit.

Vielleicht ist der Job tatsächlich absurd.

Vielleicht ist die Beziehung tatsächlich lieblos.

Vielleicht sind Arbeitsbedingungen tatsächlich krankmachend.

Vielleicht ist der Alltag wirklich zu voll.

Und manchmal verlangt eine Gesellschaft von Menschen gleichzeitig maximale Leistung, permanente Erreichbarkeit, emotionale Stabilität, körperliche Attraktivität, finanzielle Vorsorge, intensive Elternschaft, erfüllende Partnerschaft, aufregende Sexualität, soziales Engagement und sieben Stunden Schlaf. Das Problem ist dann möglicherweise nicht mangelndes Zeitmanagement. Vielleicht ist die Rechnung einfach völlig bescheuert.

 

Gewöhnung

Die vielleicht heimtückischste Form von Entfremdung entsteht, wenn man sich an sie gewöhnt hat. Menschen gewöhnen sich an erstaunlich viel. An Dauerstress. An schlechte Beziehungen. An fehlende Nähe. An permanente Erreichbarkeit. An Arbeit, die sie verachten. An Müdigkeit. An das Gefühl, immer hinterherzulaufen. Irgendwann erscheint das Normale alternativlos.

Und dann kann eine einfache Frage ziemlich unbequem werden:

 

 

Passung

Passt mein Leben eigentlich noch zu mir?

Passt es zu dem Menschen, der ich heute bin?

Die Psychotherapie kann darauf keine fertige Antwort liefern.

Und das ist ihre Stärke. In meiner Arbeit geht es bei solchen Themen nicht darum, Menschen zu erklären, wie sie leben sollen. Es geht darum, wieder wahrnehmbar zu machen, was im Funktionieren verloren gegangen ist.

Was spürst du?

Was fehlt dir?

Wo gehst du ständig über dich hinweg?

Welche Beziehungen tun dir gut?

Wo spielst du seit Jahren eine Rolle, die einmal sinnvoll war, aber heute zu eng geworden ist?

Welche Entscheidungen hast du selbst getroffen – und welche irgendwann übernommen?

Was würdest du anders machen, wenn du niemandem etwas beweisen müsstest?

 

Wiederaneignung

Die Integrative Therapie spricht in diesem Zusammenhang auch von Wiederaneignung. Ein sperriges Wort für etwas sehr Lebendiges.

Denn es bedeutet:

Sich den eigenen Körper wieder zu eigen machen.

 

Eigene Gefühle.

Eigene Geschichte.

Eigene Grenzen.

Eigene Wünsche.

Eigene Möglichkeiten.

 

Vielleicht besteht Veränderung manchmal gar nicht darin, ein völlig neues Leben zu beginnen. Vielleicht geht es zunächst darum, im bestehenden wieder aufzutauchen. Das Gegenteil von Entfremdung ist für mich deshalb nicht Glück. Glück ist flüchtig und ohnehin ein ziemlich überforderter Begriff.

 

Das Gegenteil von Entfremdung = Verbundenheit.

Mit sich selbst. Mit dem eigenen Körper. Mit anderen Menschen. Mit dem eigenen Tun. Mit Orten, Erinnerungen, Wünschen und Zukunftsmöglichkeiten.

Und vielleicht mit einem Satz, der erstaunlich viel verändert:

 

Das ist mein Leben.

Nicht perfekt. Nicht fertig. Nicht immer angenehm.

Aber meines.

 

 

 
 
 

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